Meyers Lexikon gibt auf

23. März 2009

Eben wollte ich einen Begriff in Meyers Online-Lexikon nachschlagen. Doch statt eines Lexikonartikels leuchtet mir die folgende Meldung entgegen:

Webseite eingestellt. Meyers Lexikon online wird zum 23.03.2009 eingestellt.

Aus für Meyers Online Lexikon

Auf deren Blog heißt es zur Begründung nur kurz und lapidar:

»Das Lexikonportal Meyers Lexikon online wird zum 23. März 2009 abgeschaltet. Leider ist es uns nicht länger möglich, das Portal in seiner jetzigen Form zu betreiben.«

Da bin ich platt. Oder auch nicht. Das Meyers Lexikon sollte doch angetreten sein, um einen Gegenpol zum allmächtigen und allgegenwärtigen Wikipedia-Crap zu schaffen. Das hatten sie auch ganz gut geschafft, wenn man die Plazierung in Googles Suchergebnislisten als Maßstab nimmt. Inhaltlich sah das schon schlechter aus. Die ultrakurzen Meyers-Artikel gingen meist nicht über eine Begriffsdefinition hinaus, standen aber wegen des hohen Domaintrusts häufig auf den vorderen fünf Plätzen. Darüber habe ich mich schon oft geärgert. Weil die Artikel nicht gehalten haben, was die hohe Plazierung versprach, und deshalb gehaltvollere Seiten ins Gras beißen mussten. Trotzdem gefielen mir die knackigen Kurzartikel oft besser als der breitgetretene Quark der Customer-Driven-Encyclopedia.

Als die Brockhaus-Leute mit dem Online-Meyers anfingen, hatte ich mir da mal einen Account angelegt, denn man sollte da ja mitschreiben können wie bei Wikipedia. Einen Fehler hatte ich dort korrigiert, was problemlos akzeptiert wurde, und einen neuen Artikel angelegt, der aber nach wenigen Tagen von der Redaktion kommentarlos gelöscht wurde. An diesem Tag hatten die mich dort zum letzten Mal gesehen, jedenfalls als Mitarbeiter.

Über die Gründe für die Aufgabe kann man nur spekulieren. Wurden die Werbebanner zu wenig geklickt? Stimmte, wie vor einigen Monaten bei zeno.org, das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag nicht?

Sehr schade finde ich, dass in deren Blog die Kommentarfunktion deaktiviert ist. Wollen wahrscheinlich nicht gestört werden beim Wundenlecken. 😉

»Nur eine aberwitzige Ideologie kann glauben machen, kompetent organisiertes Wissen sei dauerhaft zum Nulltarif zu haben.«

Nachtrag: Eben habe ich etwas zur Begründung gefunden. Die Bifab hat die Marke Brockhaus verkauft. Und Meyers gleich mit. Da können die Wikifanten ja jetzt triumphieren. Für mich ist das ein schwarzer Tag. Die nun ehemaligen Mitarbeiter der Lexikonredaktion haben eine Website zur Stellensuche aufgesetzt.

Das Federwerk schreibt auch etwas über die Schließung. Von dort habe ich auch das folgende Zitat aus der Digitaz:

»Mit dem Internet und den Suchmaschinen entstand der Doppelmythos, gesichertes Wissen sei erstens gratis zu haben und zweitens sei der Zugang zum Wissen damit »demokratisiert«. Mit diesem Argument wird der im Umfang beschränkte und teure, aber nach wissenschaftlichen Standards haushoch überlegene »Brockhaus« gegen quantitativ unbeschränkte und billige, aber wissenschaftlich ungesicherte Suchmaschinen und Netz-Enzyklopädien ausgespielt. Diese Alternative ist keine, denn nur eine aberwitzige Ideologie kann glauben machen, kompetent organisiertes Wissen sei dauerhaft zum Nulltarif zu haben.

Angesichts der ungelösten Probleme der Überprüfbarkeit und langfristigen Haltbarkeit von Netz-Enzyklopädien kann es nur darum gehen, neben diesen Medien auch den gedruckten wissenschaftlichen Lexika eine Überlebenschance zu sichern. Und das kann nicht privater Willkür überlassen bleiben, sondern ist eine kulturpolitische Aufgabe ersten Ranges wie die Erhaltung der Vielfalt der gedruckten Presse. Mit anderen Worten: Beides ist eine Aufgabe des Gesetzgebers, da die Marktlogik hier nicht funktioniert. «

Das ist leider sehr richtig analysiert. Auch wenn ich im Moment nicht sicher bin, ob ich in den Ruf nach Vater Staat einstimmen möchte.

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: